Darf der Mensch lügen oder die Unwahrheit sagen?

14 / 100
Ein Mann wird gezeigt: Erüberlegt, ob er in bestimmten Situationen lügen darf.

Lügen ist heute Volkssport. Sogar Präsidenten, die notorische Lügner sind, werden von großen Teilen der Bevölkerung weiter gewählt oder verehrt.



Der Gesetzgeber räumt in Einzelfällen das „Recht zur Lüge“ ein.

Werden in einem Bewerbungsgespräch unzulässige Fragen gestellt, darf der Bewerber lügen. Wird eine Frau bspw. gefragt, ob sie schwanger ist oder plant schwanger zu werden, darf sie gemäß dem Gesetzgeber lügen.

Immanuel Kant würde dieser Sicht widersprechen. Er war Vertreter der deontologischen Ethik, „die Schlechtes immer als schlecht bezeichnet, auch wenn das Ergebnis etwas Gutes hervorbringt“. Kant philosophierte biblisch geprägt. Lag Kant mit seiner Interpretation richtig?



Lüge und Unwahrheit

Tatsache ist, eine Lüge ist immer die Unwahrheit. Ist aber die Unwahrheit immer eine Lüge?

Klären wir erst einmal den Begriff „Lüge“. Machen wir es wie Immanuel Kant. Befragen wir zuerst die Bibel.

Bevor der erste Philosoph, Tales von Milet (etwa 600 v.Chr.) auf der Bildfläche erschien, war die Bibel (AT) schon ein vollendetes Werk. Der Begriff „Lüge“ fand aber schon etwa 2500 Jahre v.Chr. Einzug in die Bibel und wurde durch eine Szene eindeutig definiert.

Nebenbemerkung: Falls Sie Agnostiker sind oder an die Evolution glauben, oder anderweitig motiviert sind, die Bibel als Märchenbuch zu identifizieren, sollten Sie trotzdem über so viel Objektivität verfügen, sich einzugestehen, dass nicht alles was in der Bibel steht, Unsinn ist. Wenn Sie bspw. die Szene bezüglich der „Lüge“ nicht als authentische Berichtserstattung interpretieren, machen Sie es wie die Philosophen: Interpretieren Sie die Szene als Gedankenbild oder Gleichnis.

Für Christen dagegen, sollte die Bibel der Maßstab aller Dinge sein. Nebenbemerkung Ende.



Die erste Lüge der Menschheit, die dokumentiert wurde, ist die Lüge, die Satan an die Eva richtete. Bezüglich des Baumes der Erkenntnis, behauptete Satan, „wenn Ihr von der Frucht esst, werdet ihr bestimmt nicht sterben“. Wie ein Puppenredner benutzte er die Schlange als Kommunikations-mittel. Tatsache ist, nach dem Sündenfall begann der Prozess des Sterbens. Bis dato verfügten Adam und Eva über eine vollkommene DNA, die sich endlos fehlerfrei replizieren konnte wie ein Pantoffeltierchen (Römer 5:12).

Betrachtet man die Bibel ganzheitlich, erfährt man, dass Satan ursprünglich ein weiser und hervorragender Cherub war. Aber er wurde hochmütig und fing an, die Souveränität seines Schöpfer zu hinterfragen und jegliche Loyalität zu vergessen (Hesekiel 28:12-19).



Wie kann man also den Begriff Lüge, auf Basis dieses Berichts, definieren?

Lüge entspringt gemäß dieser Szene einer destruktiven Motivation. Eine andere Definition lässt diese biblische Szene nicht zu. Egal was spätere Philosophen daraus gemacht haben. Den Begriff „Lüge“ gab es vor dem Sündenfall nicht. Erst der Dialog zwischen Satan und Eva und die damit negativen Folgen für die Menschheit, erzeugte diesen Begriff und bereicherte das Vokabular der Menschheit.

Kann man nun einfach hingehen und eine unwahre Aussage, die ein konstruktives oder positives Ergebnis zeitigt, als Lüge bezeichnet? Eindeutig nein! Die Bibel selbst sagt, „wer dem Wort Gottes etwas hinzufügt oder hinweg nimmt, ist verdammt!“. Damit sind auch Interpretationen gemeint, die einen Sachverhalt erweitern oder reduzieren.

Satans Intention war destruktiv. Der Begriff „Lüge“ ging auf Basis dieser Szenerie in die Bibel ein. Hätte Gott gewollt, dass jede bewusst gemachte unwahre Aussage als Lüge bezeichnet wird, hätte Gott dafür gesorgt, dass entsprechende Beispiele in der Bibel Einzug gefunden hätten.

Das Gegenteil ist der Fall. In meinem Artikel „Wer muss sterben“, erbringe ich im Gegensatz zu Immanuel Kant, anhand diverser Beispiel den biblischen Nachweis, dass Gott i.d.R. utilitaristisch (Nutzen orientiert) und nicht deontologisch (Pflichtethik) handelt und entscheidet.

http://xn--mutlumller-feb.de/2020/10/05/wer-muss-sterben/

Johannes 7:3,8

Als Jesus Widersacher in seiner Gegenwart ersuchten, Jesu Reise-Planung bezüglich des Laubhüttenfestes in Jerusalem zu erkunden, sagte Jesus, „er werde noch nicht nach Jerusalem gehen“. Er machte auch deutlich, dass „seine Zeit noch nicht gekommen war“. Jesus wusste, dass man ihn später hinrichten würde. Dazu war er auch bereit.

Implizit wird durch diese Aussage klar, dass Jesus jetzt, auf dem Weg nach Jerusalem einen Überfall seiner Widersacher vermutete. Deshalb verschleierte er seine Absichten, um sein Leben zu schützen. Dies wir auch im Vers 10 deutlich:

„Als aber seine Brüder hinaufgegangen waren (nach Jerusalem), da ging auch er hinauf zum Fest, nicht öffentlich, sondern wie im Verborgenen.“ (bibelserver.com; Elberfelder Bibel)



Hat Jesus gelogen? Da Jesus die Worte „noch nicht“ verwendet hat, hat er faktisch nicht gelogen und auch nicht die Unwahrheit gesagt.

Hätte Jesus gelogen, wenn er gesagt hätte, er geht nicht nach Jerusalem? Gemäß der Definition der Szene im 1. Mose, hatte Jesus keine destruktive Intention. Er hätte auch durch diese Unwahrheit niemanden geschadet. Er hätte durch die Unwahrheit lediglich sein Leben gerettet.

Explizit hat Jesus also auch nicht die Unwahrheit gesagt. Aber intrinsisch oder implizit? Jesus hat ganz bewusst dieses rhetorische Kalkül verwendet, um zu verschleiern, um sein Leben zu schützen. Jesu Intention war, seinen Widersachern diese Information nicht zukommen zu lassen.

Jetzt war Jesus aber ein vollkommener Mensch, der intelligenteste Mensch, der je lebte. Jesus wäre in jeder Situation in der Lage gewesen, rhetorische Wendungen anzuwenden um seine Aussagen nicht als Unwahrheit erscheinen zu lassen.

Nehmen wir das Bespiel von Abraham. Abraham kannte Gott sehr gut. Gott kommunizierte sogar mit Abraham.

Als Abraham in einem fremden Land von dem König befragte wurde, ob Sarah seine Frau wäre, antwortet Abraham, „sie ist meine Schwester“. Er hatte Angst um sein Leben. Der König beanspruchte diese außergewöhnliche schöne Frau für sich. Er vereinnahmte Sarah auch anschließend in seinem Harem.

Genau genommen war die Aussage Abrahams keine Lüge und auch nicht die Unwahrheit. Sarah war seine Halbschwester. Abraham kannte aber die Intention des Königs. Der König wollte nicht wissen, ob Sarah seine Schwester war, er wollte wissen, ob Sarah seine Frau war. Wenn ich auf eine explizite Frage nur die halbe Wahrheit antworte, ist es dann eine Lüge?

Gott überführte Abraham nicht der Lüge. Gott führte aber Abraham vor Augen, dass Abraham nicht auf seinen Schutz vertraute. 

In einem Traum drohte Gott dem König ihn zu töten, falls er Abrahams „Ehefrau“ anrühren würde. Abraham bekam seine Frau ganz schnell wieder zurück. Das zeigte ihm, dass er von vornherein hätte auf Gott vertrauen und die „ganze Wahrheit“ sagen können.



Aber was war mit Jesus? Auch Jesus hätte nichts verschleiern müssen, auch ihn hätte Gott vor jedem Überfall schützen können? Hat Jesus nicht auf Gott vertraut? Viele andere Bespiele aus Jesu Leben zeigen, dass er seinem Vater voll und ganz vertraute. 

Jesu Intention lässt sich nur vermuten. 

Eines lässt Jesu Beispiel jedoch mit Sicherheit feststellen: Nicht jeder Mensch hat Anspruch darauf, jede Frage stellen zu dürfen! Die Frage ist nur, wie kann man sich davor schützen. Und diesem Fall lässt Jesu Beispiel erkennen, dass es einer Strategie bedarf. In einer anderen Szene antwortet Jesus den Pharisäern, „Wenn ihr mir meine Frage nicht beantwortet, dann beantworte ich auch eure Frage nicht!“ Auch eine Strategie.

Es kann aber im Leben zu Situationen kommen, da geht es nicht darum, ob ich Gott vertraue oder nicht vertraue. Da funktioniert auch keine intelligente Strategie. Ich muss in dem Moment eine Entscheidung treffen, die Wahrheit oder die Unwahrheit zu sagen. Natürlich ncit zu lügen. Gott hasst Lügen!



Ein Gedankenbild

Ein Gedankenbild in Anlehnung des Films „Unbroken“ im ZDF: Es wird eine junge schwangere Polizistin entführt. Die Entführer leiten die Geburt ein, behalten das Baby und setzen die Frau, nur mit einem blutigen Hemd bekleidet, in einem Wald aus. Dort wacht sie einige Zeit später aus ihrer Bewusstlosigkeit auf und findet den Weg zu einer nahe gelegenen Siedlung.

 

Man muss keine Mutter sein, um zu beurteilen, unter welchem psychischen Stress diese junge Frau stand.

 

Einige Zeit später wird bei der Polizei Blut verschmierte Babykleidung abgegeben. Eine Gen Analyse ergibt, dass es sich um das Baby der Polizistin handelt.

Die Polizistin fragt den ermittelnden Vorgesetzten, ob es neue Erkenntnisse zu den Ermittlungen gibt. Der Kommissar sagt nein, obwohl er in Kenntnis der Genanalyse ist.

Hat der Kommissar gelogen?

1. Die Mutter hatte ein Recht darauf, die Frage zu stellen. Aus dieser Perspektive hätte der Kommissar gelogen.

2. Hatte der Kommissar eine destruktive Intention, nein zu sagen? Hatte er nicht. Der Kommissar war selbst Vater und konnte sich in die Situation der Polizistin hineinversetzen. Zudem war die Polizistin Selbstmord gefährdet, was der Kommissar nicht wusste, aber erahnen konnte.

3. Hat der Kommissar einen Schaden mit der falschen Aussage angerichtet? Nein!

4. Hätte er eine Strategie wählen können, um das unwahre „Nein“ relativieren zu können? Mir fällt keine ein.


Gemäß der Definition des Begriffs „Lüge“ aus dem 1. Mose, handelte es sich nicht um eine Lüge, sondern um eine Unwahrheit. Deontologisch würde es sich um eine Lüge handeln. Utilitaristisch handelt es sich aber um eine Unwahrheit, die einen Nutzen zur Folge hatte: Die Polizistin wurde nicht einem weiteren Trauma ausgesetzt und hat sie vielleicht sogar vor einem Selbstmord bewahrt. Im Film wird einige Tage später das Baby lebend befreit.



Kann man immer Unwahrheiten benutzen, wenn man bspw. sein Leben retten will und keine anderen Menschen damit schädigt?

Ein gutes Beispiel ist Petrus. Petrus verleugnete Jesus drei Mal, bevor ein Hahn drei Mal krähte. Petrus hatte Todesängste.

Handelte es sich in diesem Kontext drei Mal um die Unwahrheit? Nein! Es waren drei Lügen. Schon Jesus verwendete gegenüber Petrus antizipierend den Begriff „Leugnen“. Leugnen ist Lügen.

Aber warum war es nicht Unwahrheit, warum waren es Lügen, er wollte doch nur sein Leben retten?

 

In Petrus Fall kam ein weiteres Element hinzu. Er war Illoyal. Gott verlangt für sich und seinen Sohn absolute Loyalität! Auch wenn das eigene Leben davon abhängt. Schließlich hatte Petrus gelernt, dass er ewiges Leben erlangen wird, wenn er loyal bleibt.

Illoyalität ist übrigens ein Kriterium, das die Definition des Begriffs „Lüge“ mit beeinflusst. Satan manipulierte nicht nur Eva, was zum intrinsischen Sterbeprozess führte, er wurde auch Gott gegenüber illoyal.

 

Die Bibel zeigt an vielen Stellen, dass sogar Gott gegenüber uns winzigen Menschen loyal ist. Loyalität ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die Gott von den Menschen fordert. Dies gilt in komplementären wie synchronen Beziehungen. Bruder gegenüber Schwester, Sohn gegenüber Vater und eben auch Vater gegenüber Sohn. Manche Väter vergessen das.


Unter Hitler wurden 3000 Zeugen Jehovas in KZs gequält und abgeschlachtet. Warum? Weil sie Gott gegenüber loyal blieben. Sie verweigerten den Hitlergruß, nationalistische Ehrbekundungen und den Wehrdienst.



Bezogen auf Petrus kommt ein zweiter Aspekt hinzu: Er wusste, dass er der „Haupteckstein“ war, den Jesus für seine Botschaft nutzen würde. Das hatte ihm Jesus persönlich mitgeteilt.

Es konnte also nicht sein, dass er zeitnah zu Tode gebracht würde. Er verlor jegliches Vertrauen in die Macht und Loyalität Gottes und seines Sohnes Jesus.

Wurde Petrus für seine Lügen bestraft? Nein. Hier greift wieder die utilitaristische Sichtweise Gottes.

Einerseits bereute Petrus sein Verhalten intensiv. Und solch eine Reue kann nur Gott beurteilen, ähnlich wie im Fall König Davids, der zum Mörder und Ehebrecher wurde. Andererseits wusste Gott, das Petrus noch ein sehr brauchbares Werkzeug im Sinne der Botschaft Christi abgeben würde, was die Bibel dann auch bestätigte.



Das Recht zur Lüge?

Kann es ein Recht zur Lüge geben? Auf keinen Fall! Wenn, dann ein Recht zur Unwahrheit. Bezogen auf das Beispiel „Schwangerschaft“ muss man aber differenzieren.

Der Gesetzgeber unterstellt grundsätzlich, dass ein Arbeitgeber bei der Einstellung von Mitarbeitern egoistisch denkt. Das wird i.d.R. auch der Fall sein. Es ist aber nicht kategorisch ausgeschlossen, dass es auch noch den ein oder anderen integren Arbeitgeber gibt, der nur das Wohl der Bewerberin im Auge hat. Vielleicht überschätzt sich die Bewerberin oder erkennt nicht objektiv bestimmte Gefahren für das ungeborene Leben des Babys.

Eine andere Perspektive zeigt uns Abrahams Beispiel auf. Das fehlende Vertrauen in Gott. Gott verspricht allen loyalen Dienern Nahrung und Bedeckung. Eine tief gläubige Christin würde vermutlich die Frage nach der Schwangerschaft wahrheitsgemäß beantworten. Letztendlich ist es eine Gewissensfrage.



Aber wann genau handelt es sich um eine Unwahrheit und nicht um eine Lüge?

1. Die Aussage unterliegt keiner destruktiven Intention.

2. Die Aussage schadet niemand.

3. Die falsche Aussage wurde unwissentlich gemacht.

4. Der Frager oder Empfänger hat kein Recht auf die Information.

5. Die Aussage erzeugt keine Illoyalität gegenüber Gott, Jesus Christus oder irgendeinem Menschen, dem man zur Loyalität verpflichtet ist. Einem potenziell zukünftigen Chef, ist man keine Loyalität schuldig. Einem Chef dagegen schon.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.